Pforzheim seit 1767 — die deutsche Goldschmiede-Stadt-Tradition
Wo eine 260 Jahre alte Manufaktur-Tradition die DACH-Schmuck-Welt prägt — und warum Hanau die zweite Hauptstadt geblieben ist.
Es sei, so hieß es im Markgrafenedikt vom 17. Februar 1767, eine „Uhren- und Stahlwaaren-Fabrique” zu errichten, in der Findelkinder und mittellose Jugendliche einer ehrbaren Profession zugeführt würden. Markgraf Karl Friedrich von Baden hatte damit keine Schmuckstadt im Sinn — er suchte eine soziale Lösung für Pforzheim, eine Residenz, die im Siebenjährigen Krieg verarmt war. Was er auslöste, war anders: Aus der Uhrenfertigung wuchs binnen einer Generation eine Bijouterie-Industrie, die heute, zweihundertneunundfünfzig Jahre später, noch immer rund siebzig Prozent des deutschen Schmuckexports stellt.
Eine Stadt, die ihren Beruf wechselte
Im späten 18. Jahrhundert war Pforzheim eine Provinzkommune mit kaum dreitausend Einwohnern. Die Markgräfliche Fabrique, zunächst in einem ehemaligen Waisenhaus untergebracht, begann mit französischen und Schweizer Uhrmachern als Lehrmeistern. Die Uhrenfertigung scheiterte jedoch an der Konkurrenz aus dem Jura — der schmucktechnische Nebenbetrieb hingegen florierte. Schon um 1790 zählte die Stadt mehrere Dutzend selbständige Bijoutiers, die Ringe, Ketten, Broschen und Doublé-Waren fertigten.
Der Strukturwandel beschleunigte sich im 19. Jahrhundert dramatisch. Eine Industriebroschüre von 1877 verzeichnet bereits 287 Schmuck- und Uhrenfirmen mit zusammen rund 14.000 Beschäftigten — bei einer Stadtbevölkerung von etwa 24.000. Pforzheim sei, schrieb der badische Statistiker Karl Mathy, zur „Goldstadt” geworden, zu einem Ort, in dem jeder zweite Erwerbstätige am Schmelztiegel, an der Walze oder am Ziseliertisch stehe.
Eine Stadt, deren Bürgermeister im Stadtwappen die Punze trägt, hat ihr Schicksal an einen Beruf gebunden, der weder Boden noch Bodenschatz kennt — nur Hände und Gewerke.
Hanau seit 1772 — die zweite Hauptstadt
Was Pforzheim für den südwestdeutschen Raum war, wurde Hanau für die hessisch-fränkische Achse. Am 17. März 1772 stiftete Landgraf Wilhelm IX. die Zeichenakademie Hanau, die heute als Staatliche Zeichenakademie firmiert und damit eine der ältesten kontinuierlich betriebenen Schmuckschulen Europas ist. Hanau hatte schon im 17. Jahrhundert hugenottische Goldschmiede aufgenommen, deren Brevet-Privilegien einen eigenständigen Manufaktur-Stand begründeten.
Die Arbeitsteilung zwischen den beiden Städten ist bis heute kulturell ablesbar. Pforzheim arbeitet seriell, exportorientiert, mit großen Walzwerken und industrieller Tiefe — Wempe und Christ beziehen historisch von dort. Hanau hingegen pflegt eine Atelier- und Manufakturkultur: kleinere Werkstätten, Goldschmiedeunikate, ein hoher Anteil an Restaurierung und Kirchengerät. Beide Städte unterhalten eine Goldschmiedeschule im engeren Sinne; in Pforzheim ist sie heute Teil der Hochschule Pforzheim — Gestaltung, gegründet 1877, in Hanau die genannte Zeichenakademie.
Die vier Techniken: Filigran, Granulation, Treiben, Punzieren
Wer das DACH-Schmuckhandwerk verstehen will, kommt um vier klassische Techniken nicht herum. Sie definieren das, was Goldschmied:innen als ihr Grundgerüst begreifen — und sind in Pforzheim wie Hanau Teil der dreieinhalbjährigen Gesellenausbildung.
Filigran
Filigran bezeichnet die Verarbeitung dünner, gezogener Drähte zu einem Gewebe oder Rahmenwerk. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen — filum (Faden) und granum (Korn). In der DACH-Tradition ist die alemannische Filigran-Schule durch die Schwarzwälder Tracht-Goldschmiede geprägt; in Süddeutschland war Filigran bis ins 19. Jahrhundert Pflichtbestandteil der Brautkronen und Mieder-Beschläge.
Granulation
Granulation ist die etruskische Königstechnik: Kleinste Goldkügelchen — historisch im Holzkohlefeuer geschmolzen, heute mit dem Lötbrenner — werden ohne sichtbares Lot auf eine Goldoberfläche aufgebracht. Die antike Diffusions-Lötmethode galt jahrhundertelang als verloren; sie wurde erst zwischen 1933 und 1936 vom Berliner Goldschmied Johann Michael Wilm und parallel durch Elizabeth Treskow in Köln rekonstruiert. Treskow lehrte ab 1948 an den Kölner Werkschulen — ihre Forschung gilt als Wendepunkt der modernen Goldschmiedeausbildung.
Treiben
Treiben (auch: Ziselieren in der erweiterten Bedeutung) ist das Formen eines Bleches durch Hammerarbeit über einem nachgiebigen Untergrund — historisch Pech, heute auch elastische Kunstharze. Wer eine Schale aus einem flachen Blechronde aufzieht, treibt; wer eine Bischofsmitra oder einen Pokalbauch fertigt, beherrscht das Verfahren auf höchstem Niveau. Hanau hat hier traditionell den Schwerpunkt, weil Kirchengerät und Pokale die Auftragsbasis bildeten.
Punzieren
Punzieren ist namensgebend für dieses Magazin — und für das Handwerk konstitutiv. Eine Punze ist ein Stahlstempel mit einem Negativ-Bild; sie wird mit dem Hammer ins Edelmetall geschlagen. Punzen dienen erstens als Dekortechnik (gepunzte Kanten, Linien, Ornamente), zweitens als Identifikation: Die Feingehaltspunze und die Meisterpunze sind nach DIN-Normen vorgeschrieben — dazu im eigenen Artikel zur DIN 8606 mehr.
Die Goldschmiedeschule als kulturelles Institut
Die Goldschmiedeschule Pforzheim wurde 1877 als Großherzogliche Kunstgewerbeschule gegründet. Ihre frühen Lehrer kamen aus Wien und Paris; sie unterrichteten Entwurf, Gravur, Modellieren und Ziselieren. Heute besteht der Studiengang Schmuck und Objekte der Alltagskultur an der Hochschule Pforzheim als Bachelor- und Masterprogramm, und der Lehrkörper hat international Renommee — Namen wie Herman Hermsen, Dorothea Prühl oder die längst pensionierte Reinhold Reiling-Generation prägten die deutsche Autorenschmuck-Szene.
Die handwerkliche Berufsausbildung verläuft parallel: dreieinhalb Jahre Gesellenausbildung, Prüfung vor der Handwerkskammer Karlsruhe, anschließend optional Meisterprüfung an der Werkkunstschule Pforzheim oder an einer der drei verbliebenen Meisterschulen im DACH-Raum (Pforzheim, Hanau, Steyr in Österreich).
Was die Stadt vom Krieg lernen musste
Am 23. Februar 1945 zerstörte ein britischer Bombenangriff in zwanzig Minuten rund achtzig Prozent der Pforzheimer Innenstadt; schätzungsweise 17.600 Menschen kamen ums Leben — gemessen an der Einwohnerzahl der höchste Zivilverlust einer deutschen Stadt im Zweiten Weltkrieg. Die Schmuckindustrie verlor ihren gesamten Werkzeugbestand, ihre Walzen, ihre Archive. Dass die Branche binnen weniger Jahre wieder produzierte, lag an der ungebrochenen Wissensbasis: Wer das Handwerk im Kopf trug, konnte den Werkzeugbau neu beginnen.
Der Wiederaufbau brachte eine Konsolidierung: An die Stelle der gut achthundert Vorkriegsfirmen traten dreihundert größere Betriebe, von denen heute noch etwa 350 Schmuckunternehmen und rund 8.000 Beschäftigte in der Region verzeichnet sind (Stand: Verband Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie, 2024).
Eine Tradition unter Druck — aber lebendig
Die Globalisierung hat das Pforzheimer Modell verändert. Asiatische Auftragsfertigung, Lab-Grown-Edelsteine, der direkte Onlinehandel über internationale Plattformen — all das setzt die klassische Werkstattstruktur unter Druck. Gleichzeitig wächst eine neue Klientel: Käufer:innen, die Herkunft, Materialethik und Handsignatur über Markenglanz stellen.
Wer 2026 durch die Westliche Karl-Friedrich-Straße läuft, sieht das Nebeneinander: Konzernzentralen wie Wellendorff (gegründet 1893, vierte Generation) neben jungen Ateliers, die mit recyceltem Gold und konfliktfreien Edelsteinen werben. Die Stadt habe, so der Stadtarchivar Hans-Peter Becht in einem Interview mit der Goldschmiede-Zeitung im Dezember 2025, „den Wandel immer überlebt, weil sie nie nur Industrie war, sondern auch Schule”.
Wer Pforzheim oder Hanau besucht, besucht keine Museen. Er besucht Werkstätten, deren Werkzeuge unverändert sind: Anke, Hammer, Punze, Ziehbank. Die Werkstücke verändern sich; das Gewerk hält.
Genau hier setzt das Selbstverständnis dieses Magazins an. Punze berichtet nicht über Trends, sondern über das, was bleibt: über Materialien, Techniken, Normen, Märkte. Pforzheim und Hanau bleiben dabei Bezugspunkte — nicht aus Nostalgie, sondern weil sie das institutionelle Gedächtnis eines Berufes verwahren, das in jeder Werkstatt der DACH-Region noch immer wirksam ist.
Die Pforzheimer Manufaktur-Landschaft 2026
Wer den aktuellen Stand kartiert, findet drei Hauptgruppen. Erstens die Konzernmarken mit eigener Pforzheimer Produktion — Wellendorff, Niessing (formal Vreden, aber mit Pforzheimer Vertriebsstruktur), Schoeffel-Perlen und mehrere Mitglieder des Verbandes Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie. Diese Unternehmen erwirtschaften zusammen den Großteil der etwa 2,9 Milliarden Euro Branchenumsatz, die der Verband für 2024 ausweist.
Zweitens die Zulieferketten: Walzwerke, Drahtzieher, Halbzeughersteller, Gussbetriebe, die für eigene Schmuckmarken und für externe Auftraggeber arbeiten. Pforzheim ist nach wie vor der wichtigste europäische Standort für Schmuck-Halbzeuge in Karat-Gold und Sterling-Silber; selbst italienische Marken aus Vicenza und Valenza beziehen historisch aus dem badischen Cluster.
Drittens die Atelierwerkstätten — kleine Betriebe mit ein bis zehn Beschäftigten, oft Goldschmied:innen mit Hochschulabschluss, die Unikate und Kleinserien fertigen. Diese Szene ist demografisch alternd: Eine Erhebung der Handwerkskammer Karlsruhe von Oktober 2025 zeigt, dass das Durchschnittsalter der selbständigen Pforzheimer Goldschmied:innen bei 54 Jahren liegt und nur 12 Prozent unter 40 sind. Die Branche kennt das Problem; der Lösungsversuch heißt seit 2023 Goldstadt-Initiative — ein Programm, das Übernahmen, Nachfolgen und Existenzgründungen koordiniert.
Hanau im Spiegel
Hanau verläuft strukturell anders. Die Stadt zählt etwa 110 aktive Schmuckunternehmen, weniger industriell, mehr atelierbasiert. Die Zeichenakademie nimmt jedes Jahr zwischen 25 und 30 Lehrlinge in die dreieinhalbjährige Goldschmiede-Ausbildung auf; die Absolventenquote liegt seit 2018 stabil über 85 Prozent. Hanau exportiert weniger Schmuck als Pforzheim — aber proportional mehr Wissen: Etwa ein Drittel der aktuellen Lehrer:innen an deutschen Berufsschulen für Goldschmiede stammt aus Hanauer Tradition.
Der akademische Austausch zwischen den beiden Städten ist seit den 1990er Jahren institutionalisiert. Die jährliche Schmuckkonferenz wechselt zwischen Pforzheim und Hanau; die letzten Ausgaben (Pforzheim 2024, Hanau 2025) zogen jeweils über 400 Teilnehmende aus dem DACH-Raum an. 2026 ist Pforzheim wieder dran — die Konferenz findet im Oktober statt, das Programm wird voraussichtlich im Juli veröffentlicht.